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7b Erzähltradition

Die traditionelle Erzählung beschreibt die erfolgreichen Konditionen der menschlichen Existenz auf dem Hintergrund der Erfahrung, die die Vorfahren machen mussten. Sie gibt Informationen über das richtige und falsche Handeln, über Faktoren, die zum Scheitern führen. So wird ersichtlich, welche Ziele die Ahnen verfolgten und warum es sinnvoll sei, die Geschichte nach gleichen Maßstäben zu gestalten - an ihre Erfolge anzuknüpfen. Der Erfahrungsschatz wird in spannende Geschichten gekleidet, magische Elemente, Ereignisse im Kontrast zur Alltagswelt oder unheimliche Personen und Situationen sollen die Aufmerksamkeit fesseln. Die Erkenntnis wird komprimiert – wörtlich verdichtet – gemerkt und vererbt. Eine fiktive Erzählung ist somit wahr, da sie die Lebensweisheiten transportiert, eine richtige Beschreibung der Chancen und Gefahren garantiert. Einfach ausgedrückt beschreibt der Mythos keine Fakten, aber Merkmale von Gut und Böse. Er verbindet mit den Vorfahren, schafft Identität und gibt eine Handlungsgrundlage. Er ist die Fülle der Erfahrung, die erfühlt und reflektiert wurde. Für Görres ist dieser geistige Vorgang von einer Transzendenz nicht zu lösen. Jede Auseinandersetzung mit der Schöpfung, mit dem Wesen des Menschens sei Gotteserkenntnis. In allen Mythen und Sagen seien Spuren des Heiligen zu finden. Alles Geistige gehe von derselben Kraft aus.